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Voice of AI: Wenn KI zum Asset der Fürsorge wird

  • Autorenbild: Ralph Schwehr
    Ralph Schwehr
  • 21. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Wer heute in einer Pflegeeinrichtung, im Jugendamt, Jobcenter oder in der Integrationsberatung arbeitet, spürt es: Es geht nicht mehr um „noch ein Tool“, sondern um den Umbau der Arbeitsroutine selbst. KI rückt genau dorthin, wo Sprache, Dokumentation und Fallsteuerung den Alltag bestimmen und damit mitten in das Zentrum der Verantwortung von Sozialarbeit, Pflege, Bildung und Verwaltung.


Mit unserem heutigen Newsletter knüpfen wir an unsere Analysen zur „neuen Intelligenz“ an, diesmal aus der Perspektive von Kommunen, Trägern und Verwaltungen in der Daseinsvorsorge.



1. KI-kompetenter Staat: Governance statt Tool-Shopping

Die OECD bringt es in ihrem neuen Policy Brief auf den Punkt: Öffentliche Dienste können KI nicht einfach einkaufen und „anstecken“. Sie brauchen eigene Kompetenz in Daten, Beschaffung, Risikomanagement und Qualitätssicherung, sonst bleiben Verantwortung, Rechenschaft und Wirkung zu dünn.


Das bedeutet konkret:

  • systematische Qualifizierung von Mitarbeitenden (nicht nur der IT),

  • klare Rollen und Verantwortlichkeiten für Daten- und KI-Verantwortliche,

  • Beschaffungsprozesse, die Transparenz, Auditierbarkeit und Interoperabilität zur Pflicht machen und nicht zur Kür

  • robuste Daten- und KI‑Governance, die Qualität, Sicherheit und Souveränität messbar macht und kontinuierlich überwacht


Ähnlich argumentiert die Debatte um KI in öffentlichen Arbeitsverwaltungen: Profiling, Matching und Service-Personalisierung können Arbeitslose schneller in passende Jobs bringen, doch nur, wenn Fairness, Nachvollziehbarkeit und Datenschutz von Anfang an mit modelliert werden.


Ein Blick nach Großbritannien zeigt, wie politisch das wird: Der NHS entwickelt ein KI-basiertes Frühwarnsystem, das Routinedaten analysiert, um Patientensicherheitsrisiken früh zu erkennen, insbesondere in der hochsensiblen Geburtshilfe.  Hier wird deutlich: KI ist nicht „nice to have“, KI rettet Leben. Als Teil kritischer Infrastruktur. Fehler in Design, Daten oder Governance hätten direkte Folgen für Leben und Gesundheit.


Und auch im Migrationsbereich verschiebt sich die Perspektive: Der World Bank-Ansatz zur Prognose von Flüchtlingsbewegungen nutzt Machine Learning auf über 90 Variablen, um Ankünfte 4 - 6 Monate im Voraus zu schätzen und damit Kommunen Infrastruktur (Schulen, Gesundheitsversorgung, Wasser) rechtzeitig planen können.

Governance-Botschaft dahinter: Wer KI für Planung und Steuerung nutzt, übernimmt auch die Verantwortung für die getroffenen Annahmen.



2. Praxisfaktor KI: Sozialarbeit, Pflege & Dokumentation im Wandel


In der Sozialarbeit wird die Debatte sehr konkret. IRISS beschreibt generative KI als „Praxisfaktor“: hilfreich beim Strukturieren komplexer Fälle, beim Formulieren von Berichten oder beim Übersetzen fachlicher Inhalte in verständliche Sprache aber nur, wenn professionelle Neugier, kritisches Denken und Ethik bewusst eingebaut werden.


Die Logik:

  • Fachlichkeit rahmt KI (Prompts, Standards, Kontrollen)

  • nicht KI ersetzt Fachlichkeit.


In der Pflege zeichnet sich parallel ein Trend zu Assistenzsystemen ab. Eine aktuelle Studie in Frontiers in Public Health zeigt, wie ein humanoider Begleitroboter in der Tagespflege bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen eingesetzt wird, nicht als „Spielzeug“, sondern eingebettet in ein Care-Modell: strukturierte Aktivitäten, Aktivierung, Erinnerungsarbeit. Ziel ist Entlastung der Pflegekräfte und bessere Interaktion mit den Klient:innen.


Der eigentliche Game Changer liegt aber in „Ambient AI“: Systeme, die Gespräche automatisch mitschreiben, strukturieren und Dokumentationsentwürfe erstellen.


Studien aus der Medizin zeigen:

  • deutlich reduzierte Dokumentationslast und kognitive Belastung,

  • verbesserte wahrgenommene Versorgungsqualität

  • und zum Teil mehr Zeit für Patientenkontakt.


Doch Vorsicht: Drafts sind nur so gut wie ihre Qualitätssicherung. Wenn Fehler unbemerkt in Akten wandern, entstehen stille Risiken, gerade in Pflege, Jugendhilfe und Sozialpsychiatrie.

Flankiert wird das von ethischen Leitplanken: Das Oxford-Whitepaper zur verantwortlichen Nutzung von GenAI in der Erwachsenenhilfe fordert eine wertorientierte Perspektive mit Fokus auf Würde, Autonomie und relationaler Qualität von Care, co-produziert von Betroffenen, Fachkräften und Trägern.



3. Sprache, Verfahren, Bildung: KI als Brücke oder neue Barriere


Im Asylkontext beleuchtet das Briefing des Europäischen Parlaments die Nutzung von KI entlang des Verfahrens: von Sprachanalyse und Dokumentenprüfung bis hin zur Risikobewertung. Versprochen werden Effizienz und Konsistenz - doch die Risiken sind enorm: falsche oder verzerrte Modelle können das Recht auf Asyl untergraben, Diskriminierung verstärken und Verfahrensgarantien aushöhlen.


Für die Praxis heißt das:

  • Klare No-Gos (z. B. keine automatisierte „Glaubwürdigkeitsbewertung“),

  • Transparenzpflichten gegenüber Betroffenen,

  • und robuste Rechtsbehelfe, wenn KI-basierte Analysen genutzt werden.


Im Bildungssystem zeigt die NEA sehr praxisnah, wie KI mehrsprachige Lernende unterstützen kann: Text-to-Speech, Speech-to-Text, Übersetzung, adaptive Materialien, alles Werkzeuge, um Zugang zu Inhalten zu erleichtern und Lehrkräfte zu entlasten. Gleichzeitig warnt die Guidance vor Überabhängigkeit und dem Risiko, dass Lernende eher „durch KI sprechen“, statt echte Sprachkompetenzen aufzubauen.

Zwischen diesen Polen - Effizienz und Empowerment auf der einen, neue Abhängigkeiten und Ungleichheiten auf der anderen Seite entscheidet sich, ob KI tatsächlich Brücken baut oder zusätzliche Hürden schafft.



Kernaussagen in Kürze

  • KI wird zum Asset: Sie verschiebt sich von punktuellen Tools hin zur zentralen Sprach-, Dokumentations- und Planungsinfrastruktur in Sozialarbeit, Pflege, Bildung und Verwaltung.

  • Kompetenz vor Einkauf: Ohne eigene Skills in Daten, Beschaffung und Risiko-Management bleiben Verwaltungen und Träger abhängig und angreifbar.

  • Fach-Guardrails sind Pflicht: Sozialarbeit und Pflege zeigen: GenAI funktioniert, aber nur, wenn professionelle Standards Prompts, Nutzung und Kontrolle leiten, nicht umgekehrt.

  • Entlastung braucht Qualitätssicherung: Ambient AI kann Dokumentationsdruck spürbar senken, doch nur mit klaren Prüfprozessen, Audit-Trails und Haftungsregeln.

  • Verfahrensgerechtigkeit im Fokus: In Asyl, Job-Matching und Frühwarnsystemen entscheidet die Gestaltung von KI-Systemen über Fairness, Vertrauen und Rechtsstaatlichkeit.



Quellen (Auswahl)

  1. OECD (19.01.2026): Building an AI-ready public workforce (Policy brief) https://www.oecd.org/en/publications/building-an-ai-ready-public-workforce_b89244c7-en.html

  2. IRISS / BASW (01/2026): Generative AI and social work practice / Guidance https://www.iriss.org.uk/resources/insights/generative-ai-and-social-work-practicehttps://basw.co.uk/sites/default/files/2025-03/181372%20Generative%20AI%20and%20Social%20Work%20Practice%20Guidance_0.pdf

  3. Frontiers in Public Health (06.01.2026): Humanoid companion robot in caregiving: care model to empower caregivers https://www.frontiersin.org/journals/public-health/articles/10.3389/fpubh.2025.1658136/full

  4. JAMIA / JAMA Network Open (2025): Ambient AI documentation: effects on efficiency & documentation burden https://academic.oup.com/jamia/advance-article-abstract/doi/10.1093/jamia/ocaf180/8287711https://academic.oup.com/jamiaopen/article/8/1/ooaf013/8029407

  5. EPRS, Europäisches Parlament (07/2025): Artificial intelligence in asylum procedures in the EU (Briefing) https://www.europarl.europa.eu/thinktank/en/document/EPRS_BRI(2025)771795

  6. EU-Kommission / PES Network (02.2025): Harnessing the Opportunities of Artificial Intelligence in Public Employment Services (Report/PDF) https://ec.europa.eu/social/BlobServlet?docId=30060&langId=en

  7. World Bank (03.06.2025): AI-Powered refugee forecasting / Forecasting refugee flows using open-source data and ML https://blogs.worldbank.org/en/peoplemove/forecasting-refugee-flows-using-open-source-data-and-machine-learning 

  8. NEA (20.06.2025): AI for Multilingual Learners (Guidance) https://www.nea.org/professional-excellence/student-engagement/tools-tips/ai-multilingual-learners 

  9. University of Oxford - Institute for Ethics in AI (04/2025): Responsible use of Generative AI in adult social care - value-led approach (White Paper) https://www.oxford-aiethics.ox.ac.uk/sites/default/files/2025-04/AI-in-Social-Care-White-Paper-April-2025-Institute-for-Ethics-in-AI.pdf 

  10. The Guardian (30.06.2025): NHS will use AI in warning system to catch potential safety scandals early https://www.theguardian.com/society/2025/jun/30/nhs-will-use-ai-in-warning-system-to-catch-potential-safety-scandals-early 


Fazit

KI wird zum unverzichtbaren Asset für Sprache, Dokumentation, Risiko- und Fallsteuerung. Die Gewinner:innen sind nicht die lautesten Tool-Anbieter, sondern die Organisationen, die früh Standards, Kompetenzen und verantwortliche Prozesse festziehen und damit Vertrauen bei Mitarbeitenden, Betroffenen und Politik aufbauen.


Nutzen Sie unseren AI-Readiness Check zur Einordnung und/oder sprechen Sie uns bezüglich weiterer Informationen an info@oakai.de


@Michael v. H.: Danke für den Impuls!



 
 
 

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